Middelheimmuseum - Experience Traps

Middelheimmuseum - Experience Traps

01.06 – 23.09.2018

Dienstag, 29. Mai 2018 —
Mit Experience Traps empfängt das Middelheimmuseum eine Gruppe außergewöhnlich faszinierender Künstler, die sich von den innovativen Ideen aus der barocken Landschaft inspirieren ließen. Die Herangehensweise der sechzehn teilnehmenden Künstler oder Kollektive ist so persönlich wie vielfältig. Dadurch kommen wir in den Genuss von architektonischen Skulpturen, Installationen und Performances, die alle Sinne ansprechen. Die Arbeiten, die häufig eigens für dieses Projekt angefertigt wurden, finden sich im gesamten Museumspark und an einigen Stellen in der Stadt.

Der Barockgarten – und die Motive und Eingriffe, die einen Besuch desselben zu einem besonderen Erlebnis machen sollten – bildeten den Ausgangspunkt der Gespräche. Jeder der 16 Künstler hat andere Ergänzungen und Interpretationen beigetragen: Häufig tragen sie mit mehreren Werken zur Ausstellung bei. Ihre Arbeiten können als dabei als Beispiele für barocke Landschaftselemente interpretiert werden. Auffällig ist, wie jeder von ihnen das barocke Erbe mit einer scharfsinnigen Reflexion der Moderne verbunden hat.

Turbulente Zeiten

Während des Barocks (ca. 1600 bis 1730) wütet ein erbitterter Konkurrenzkampf zwischen den religiösen und weltlichen Mächten. Gleichzeitig wächst und gedeiht der Welthandel und es entsteht eine ausgesprochen bürgerliche Kultur. Der Barock wird damit zu einer Zeit der tief verwurzelten sozialen Krisen: (Glaubens-)Kriege und die Inquisition, aber auch Hungersnöte, Landflucht und die Pest bestimmen den Alltag der Menschen. Um ihre Machtpositionen zu stärken und potenziellen Ungehorsam zu unterdrücken, sucht sowohl die kirchliche als auch die weltliche Upperclass nach Sicherheiten und versucht, das Verhalten der Menschen zu verstehen und dadurch beeinflussen zu können.  Auftragskunst erschien da ein wirksames Instrument zu sein: Eine rationale Kunstform, die zum Steuern und Beeinflussen von Mensch und Gesellschaft eingesetzt werden konnte.

Auch heute noch ist „Kontrolle“ ein Wort mit weitreichender Bedeutung. Marketingspezialisten, Entscheidungsträger, Kommunikationsstrategen und Reputationsmanager versuchen, den Komplex aus Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Medien so gut es eben geht zu beherrschen und zu beeinflussen. Und auch wir selbst überlassen in den sozialen Medien nichts dem Zufall.

„Der Mensch glaubt oft, sich selbst zu führen, wenn er doch geführt wird.“
François de la Rochefoucauld (1613–1680), Französischer Schriftsteller

Und welche Rolle kann dabei der Künstler spielen? Erfahrungsgemäß kann der Künstler den Besucher mit den Gefühlen der Sicherheit und der Machtlosigkeit konfrontieren und unser Bedürfnis desselben reflektieren.

Wie viel Spielraum die meisten von uns tatsächlich haben, Einfluss zu nehmen, untersucht Bruce Nauman in Diamond Shaped Room With Yellow Light. Was als ein einladendes und spielerisches Abenteuer beginnt, wird unglaublich schnell zu nicht erfüllten Erwartungen und Desorientierung.

Als Gegenstück zu dieser körperlich beklemmenden Erfahrung bietet Mike Bouchet Stoff, über die Beeinflussung unseres Verhaltens durch eine unsichtbare Manipulation unserer Sinne nachzudenken. Energy Fog setzt einen überwältigenden künstlichen Duft ein und macht uns damit auf diese häufig eingesetzte kommerzielle Methode aufmerksam.

Gärten

Im Garten äußert sich das zutiefst menschliche Bedürfnis nach Kontrolle auf ganz besondere Weise. Auf den Garten reduziert scheint der Mensch das Chaos der ihn umgebenden Welt beherrschen zu können.  Hier beherrscht er die Natur und diese Fähigkeit soll gesehen werden.

In die Irre geführt

Ab dem 16. Jahrhundert engagieren die Adligen Künstler und Architekten, um den Garten und das Grundstück mit spektakulären Effekten zu überfrachten. Der Barockgarten wird zu einer Art Vorläufer des Vergnügungsparks, in dem Besucher überrascht und unterhalten werden. Der Erfolg wird dabei von der Menge der hinzugefügten künstlerischen Elemente bestimmt: angelegte Labyrinthe, besondere und exotische Flora und Fauna (in Töpfen und Gewächshäusern gezüchtet), künstliche Grotten, Trompe-l‘oeils (optische Täuschungen), Springbrunnen, hydraulische Systeme, die mechanische Vögel zum Singen bringen, künstliche Ruinen... Besucher werden immer wieder aufs Neue verleitet und überrascht.

Jeder der Künstler von Experience Traps stellt den Sinnen der Besucher seine eigene Falle. Aber sie ersetzen jede Form der Gefallsucht durch scharfsinnige Beobachtungen unserer heutigen Lustgärten.

Louise Lawler macht mit Birdcalls aus dem Pavillon Het Huis (Das Haus) einen großen Vogelkäfig mit einem ironischen automatisierten Echo aus immer denselben Künstlernamen. Die Arbeiten Stairs, Fence und Untitled von Monika Sosnowska können als künstliche Ruinen betrachtet werden. Die Künstlerin entreißt dabei erkennbare architektonische Elemente wie Treppen, Beton und Umzäunung ihrer Funktionalität. Übrig bleibt eine abstrakte Form, die neue Möglichkeiten eröffnet und neue Wege vorschlägt. Auch die rohe Konstruktion von Adrien Tirtiaux’ Heaven and Earth erinnert an Ruinen. Aber die hängende Kuppel lenkt unseren Blick auch nach oben; so, wie in der Barockarchitektur die Deckenelemente und die Apsis das Himmelreich mit unserer weltlichen Existenz verbanden.

Die aristokratischen Barockgärten waren etwas Exklusives. Sie betreten zu dürfen bedeutete, dass man dazugehörte (etwas, das dem gemeinen Volk nicht vergönnt war).  Die Menschen waren bereit, weite Strecken zu reisen, um das, worüber gesprochen wurde, auch persönlich erleben zu können. So kommt erstmals eine Art Gartentourismus auf. Der aristokratische Garten wird zu einem Ziel; ein sozialer Ort, an dem man sich trifft, Erfahrungen teilt und austauscht. Diese Idee eines Theatergarden, in dem Besucher von Szene zu Szene „spazieren“ und jede „Station“ eine Geschichte erzählt, findet man auch in den Arbeiten von Ulla Von Brandenburg und Dennis Tyfus. Beide Künstler bauen eine für die Besucher begehbare, skulpturale Szene, auf der während der Ausstellung Aufführungen stattfinden. Von Brandenburg zeigt, wie der Trompe-l‘oeil des Barocktheaters für die privilegierten Zuschauer – die direkt vor der Szene Platz nehmen konnten – die größten Illusionen kreiert. Den anderen bleibt nur der Blick auf die Kulissen, auf die Mechanik hinter der Illusion. Auch das Folding House 2 von Monster Chetwynd öffnet sich der Welt als eine Plattform für Aktivitäten oder Performances.

Erfahrungen sammeln

Gegen Ende des 16. Jahrhunderts wird noch eine andere Art des Gartens immer wichtiger. Mit der zunehmenden Entwicklung der Universitäten wird der botanische Garten zu einem Ort, an dem Wissen und Wissenschaft geteilt wird. Dieser Garten ist ein Ort des Lernens und des Experimentierens, in dem nicht nur die Sinne, sondern insbesondere auch der Geist der Besucher angesprochen wird. Auch das Sammeln und Ordnen von Einsichten und Wissen ist schließlich eine Art, das Leben und die Gesellschaft zu verstehen.   In diesem botanischen Garten werden beispielsweise die heilenden Kräfte von Pflanzen untersucht, aber die Aufmerksamkeit gilt auch der Klassifikation und dem Ordnen von Pflanzen. Es ist ein inklusiver Garten, der auf Zusammenarbeit und Wissensaustausch aufbaut.

Dieses zunehmende Bedürfnis nach dem Verstehen von Naturphänomenen spiegelt sich auch in der sich entwickelnden Faszination für die Himmelskörper wider. In Mars (sunrise) verknüpft Spencer Finch diesen barocken Wissensdurst mit der heutigen Erforschung des Planeten Mars als Ausweichort für menschliches Leben.

Einer von beiden

Im Garten von Peter Paul Rubens (1577–1640), dem größten Barockkünstler Antwerpens, finden wir Spuren beider Gartenmodelle: Sowohl vom exklusiven Garten – der entworfen wurde, um zu beeindrucken, – als auch vom inklusiven Garten – inspiriert vom Cruijdeboeck (1554) von Rembert Dodoens (1517–1585), herausgegeben von Christoffel Plantijn (1520–1589) in Antwerpen.

Und auch die alte Parklandschaft um das Middelheimmuseum herum ist eine Kombination aus einem Lustgarten und einem botanischen Garten: Vor wenigen Jahrzehnten war der Hortiflora ein Beispiel für einen Garten aus der Zeit Rubens‘, mit Pflanzen aus dem Kräuterbuch von Dodoens. Ursprünglich in Privatbesitz ist er heute mehr als je zuvor ein sozialer Ort. Hier kommen die Menschen her, um sich zu entspannen, sich zu treffen und Kunstwerke zu betrachten. Der Künstler kann ein Katalysator für derartige Treffen sein und Gesprächsstoff bieten. Das ist der Ausgangspunkt des Kollektivs Gelitin, das mit dem Werk sculpture for a sculpture park den Besucher herzlich zur Teilnahme und „Aktivierung“ einlädt. Ohne den Besucher ist das Kunstwerk lediglich Materie. Ihr Arc de Triomphe verweist unter anderem auf die dekorativen Triumphbögen und Stadttore (u. a. das Waterpoort in Antwerpen), die Rubens als Stadtszenograf oder Architekt entwarf, um neue Perspektiven in das Stadtbild zu integrieren.  In Gedenken an derartige Stadtverschönerungen entwickelten Recetas Urbanas eine Grünskulptur Montaña Verde (ein Berg aus einer Gruppe von aufeinanderfolgenden Triumphbögen) auf dem grauen De Coninckplein in der Stadt. Die Skulptur wird von und für die Anwohner und Besucher des Platzes mit Kräutern und Pflanzen bepflanzt, wie sie im Garten von Rubens zu finden sind.

BEWEGEN & AUFSTELLEN

Das Besondere an der Barockkunst ist die Weiterentwicklungen einiger Neuerungen, die schon in der Renaissance ihren Anfang nahmen. Mit der Auftragskunst wollte man einen Schritt weiter gehen, größere Wirkung erzielen: Der Zuschauer sollte von innen heraus bewegt werden. Er sollte voll und ganz zum Komplizen des Kunstwerks werden. Der Gedanke der Bewegung ist so stark, dass er fast zu einem körperlichen Sinneseindruck wird.

„Our life is nothing but movement“ (Unser Leben ist nichts als Bewegung)
Michel de Montaigne (1533–1592), Französischer Philosoph

Die Arbeiten von Andra Ursuta suggerieren die Möglichkeit der Mobilität in besonderem Maße. Auch wenn sie nicht dafür gedacht sind, berührt zu werden, juckt es den Zuschauern in den Fingern. Indem sie dem Besucher eine Befriedigung dieses Bedürfnisses untersagt, steigert sie die Spannung zwischen dem Mentalen und dem Physischen. Dasselbe macht auch der Choreograf und bildende Künstler William Forsythe, der den Besucher mit seinen komplexen Bewegungsanweisungen in ein mentales Labyrinth lockt. Mit Underall bezieht er sich auf die ständigen Veränderungen und die Instabilität, mit der wir Menschen konfrontiert werden. Genau so geht er aber auch auf unsere Fähigkeit ein, damit umzugehen. Das Netz aus Geräuschmustern im Werk A (6ch version) von Ryoji Ikeda mischt barocke und moderne Töne im Raum des Braempavillons. Die Schwingungen laden zur spielerischen Wahrnehmung ein: Indem er sich schnell oder langsam durch den Pavillon bewegt, kann der Besucher am eigenen Leibe erfahren, wie Vergangenheit und Gegenwart aufeinandertreffen.

Auch Brunnen spielen eine große Rolle in der barocken (Garten-)Architektur. Wasser ist schließlich das Sinnbild schlechthin für die lebendige, sich verändernde, wirbelnde Natur. Kunstvoll erdachte Springbrunnensysteme ermöglichen es dem kreativen Menschen jedoch, auch diese Bewegung zu choreografieren.  Das widerspenstige Bündel Gartenschläuche von Fountain, dem Werk von Bertrand Lavier, ist eine farbenfrohe und humorvolle Interpretation hiervon und eine Hommage an den kleinen Gärtner.

Wie Sie sehen, setzt sich diese Ausstellung aus optimistischen und pessimistischen Interpretationen unserer modernen „Conditio humana“ zusammen. Im Ganzen möchte EXPERIENCE TRAPS eine durchdachte Reflexion auf die moderne Spaßgesellschaft und Erlebnisökonomie, von der wir uns mitreißen lassen und von der wir ständig neue und einzigartige Erlebnisse erwarten. Dabei orientieren wir uns an komplexen Konstrukten von „Authentizität“ und „Storytelling“ und versuchen wir, uns selbst gegenüber den/dem Anderen zu positionieren – z. B. in den sozialen Medien.

Wie ein Lauffeuer wird sich die aufblasbare und für den Besucher zugängliche Version von Stonehenge bei Facebook und Instagram verbreiten. Sacrilege ist ein Werk von Jeremy Deller, der nach eigener Aussage eine Interaktion zwischen einer großen Gruppe von Menschen und einem monumentalen Objekt realisieren wollte.

Genau wie dieses „Vergehen gegen Heiliges“ (so die wörtliche Übersetzung von Sakrileg) wird die Ausstellung – sowohl enthüllend als auch mitreißend – dem Besucher eine ganz besondere Erfahrung bieten.

Praktische Informationen

  • Experience Traps
    1. Juni - Sonntag, 23. September 2018
  • Middelheimmuseum
    Middelheimlaan 61
    2020 Antwerpen
    +32 3 288 33 60
    middelheimmuseum@stad.antwerpen.be
  • Freier Eintritt
  • Öffnungszeiten: Mai und August: 10.00 - 20.00 Uhr / Juni und Juli: 10.00 - 21.00 Uhr / September: 10.00 - 19.00 Uhr / Besucher sind bis eine halbe Stunde vor Geschäftsschluss erlaubt.
  • Montag geschlossen
Nadia De Vree Pressekoordination für Museen und Kulturerbe Antwerpen at Stad Antwerpen
Rafaelle Lelièvre Presse Middelheimmuseum at Stad Antwerpen